Test: Mammut Heron light 55+

Mammut Heron light 55+

Diesen Sommer gehts für uns 4 Wochen in die Türkei, Kappadokien und der Lykische Weg wollen erkundet werden… und vielleicht auch noch mehr. Ein Novum für mich wird die Erkundung zu Fuß sein. Richtig: zu Fuß. Und da tauchen schon die ersten Probleme auf. Meine alten Lowa Schlagmichtod Wanderstiefel lösen sich in ihre bestandteile auf und so muss ein neues Paar her. Von dieser spannenden Episode (zumindest für mich) lest ihr aber an anderer Stelle. Hier und heute soll es um die Wahl des Rucksacks gehen. Machen wir erstmal eine Bestandsaufnahme. In meiner Rucksackarmee befinden sich nur zwei, die dafür irgendwie in Frage kämen, nämlich der Gregory Palisade, ein 3Kg Monster mit runden 80 Litern Volumen und ein nur etwa halb so schwerer Osprey Kestrel 38. Meinen Marmot Mooses Tooth 52 hatte ich ja in weiser Vorraussicht verkauft… Na, macht nichts, mir hat er ohnehin nicht so toll gepasst.

Die Türkei, hmm, was braucht man da eigentlich? Ein Zelt und derlei Dinge, fast keine Klamotten, ’nen leichten Kocher und auch so nicht allzuviel Kram. Da könnte doch wirklich der Kestrel passen? Ein paar Leute mögen nun vielleicht etwas eigenartig gucken und die Verkäuferin im Tapir (Gießen) es mir auch nicht so recht glauben, aber Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kocher, eben der ganze Kram, den ich mitnehmen möchte und sogar ein wenig Luxus, passen recht locker in den Kestrel 38 hinein und sogar für viele, viele Liter Wasser (~6) war noch Platz. Und draußen am Rucksack musste ich beim Probepacken auch nichts befestigen. Aber dann kam, was ich befürchtete: ein böses Erwachen beim Tragetest. Bis vielleicht 10 oder 12 Kg ist der Kestrel einer der besten Rucksäcke, die man kaufen kann, aber darüberhinaus leidet der Komfort doch spürber. 15 oder auch 16Kg sind zwar auch mit ihm mal machbar, nur wenn ich mir vorstelle ihn auf diese Art und Weise viele Stunden am Tag durch die Gegend zu tragen, habe ich darauf nichtmal dann Lust, wenn er im Tagesverlauf wesentlich leichter wird. Auch wenn er mich auf dieser Tour echt reizt und ich auch jetzt im Augenblick noch überlege ihn mitzunehmen.
Und der Pallisade? Den schloss ich praktisch kategorisch aus. Wenn alle Sachen in den lütten 38er passen, mag ich keinen doppelt so großen mitschleppen. Also überlegte ich mir einen Kompromiss, auf den ich eher zufällig kam. Als ich mal so in einem Laden herumstöberte, probierte ich den Mammut Heron light 65 aus. Der ist mir 1740g (Herstellerangabe) nicht soo viel schwerer, als der Kestrel, trug sich aber auf meinem Rücken mit damals~13Kg Gesamtgewicht, ausgesprochen gut. Was mir besonders gefiel, war der beweglich (rotierend) gelagerte Hüftgurt, der unterwegs eine große und sehr angenehme Bewegungsfreiheit erlaubt. Leider gab es den Rucksack in Frankfurt und überall dort, wo ich ihn nach langem Suchen fand, nur in „large“. Obwohl ich mit immerhin 182 und 84Kg kein Zwerg bin, konnte ich den Hüftgurt nicht richtig schließen, er war einfach zu lang. Kurzum: ich bestellte ihn bei den Bergfreunden, die ihn, wie gewohnt, in einer unglaublichen Geschwindigkeit lieferten. Abends bestellt, am kommenden Tag verschickt, am darauffolgenden Tag hatte ich ihn auf dem Rücken. Hatte ich sie beide auf dem Rücken, da ich auch noch einen Größenvergleich beider Rückenlängen anstrebte.

Der Aufbau des Heron

Der Heron, den es auch als Damenvariante „Hera“ gibt, ist eigentlich ein recht klassisch aufgebauter Trekkingrucksack. Es gibt ihn als 55+ und 65+ Variante in je zwei Farben, ich habe mir das schönere grau herausgesucht. Im Inneren gibt es erst einmal zwei Fächer, ganz klassisch, das Haupt und das Schlafsackfach. Die Abtrennung erfolgt nicht komplett, denn links und rechts gibt es ein jeweils etwa faustgroßes Loch, durch das man beispielsweise ein langes Zeltgestänge oder Trekkingstöcke schieben könnte, ohne die Abdeckung dafür zu öffnen. Kann ganz praktisch sein. Positiv finde ich, dass man bei geöffneter Abtrennung nicht erst wieder den Reißverschluss einfädeln muss, um diese zu schließen. Der bleibt an seinen Enden geschlossen und wird nicht gänzlich getrennt. Natürlich besitzt der Rucksack auch einen Vorbereitung für ein Trinksystem, allerdings hätte man dieses ruhig breiter ausführen können, denn große Trinksysteme könnten dann leichter reinflutschen.
Öffnet man eine Reißverschlussabdeckung, so erhascht man einen Blick auf die Heizspirale… ääh, (Alu)Verstrebung des Rucksacks. …aber sie sieht halt echt irgendwie aus wie eine Heizsp… lassen wir das. Im verstell-, abnehmbaren und sehr geräumigen Deckelfach gibts unten eine Netztasche mit Schlüsselhaken und auf der Oberseite einfach eine schön große Tasche. Befestigungsmöglichckeiten sucht man auf dem Deckelfach vergeblich.
Frontal erblickt man eine offene, aber bei beladenem Rucksack nicht allzu geräumige Front-Flap, also eine aufgesetzte Tasche für Dinge, an die man mal schnell ran muss, die im Regen aber alles andere als geschützt ist. Leider existiert keine sinnvolle Trekkingstockhalterung. Zwar gibt es eine Materialbefestigungsschlaufe (Klettverschluss), diese ist aber, wie ihr Gegenstück unterhalb, nur für dünne Sachen und möglichst nur ein Teil ausgelegt. Die untere Schlaufe ist, ebenso wie die Trinkflaschenhalterung im Rucksack versenkbar (siehe Fotos). Echt ganz nett gelöst.
Zu beide Seiten befinden sich nun noch je eine elastische Netztasche und zwei Kompressionsriemen, von denen der untere sogar nochmals umgelenkt wird, um einen größeren Bereich erfassen zu können. Einen Kompressionsriemen gibt es auch noch auf dem Packsack, direkt über der guten Volumenerweiterung.

Das Tragesystem

So, kommen wir zum Tragesystem und dem Rucksackrücken. Auffällig sind hier erstmal die relativ kleinen Polsterflächen an den Schultern und dem unteren Rücken. An einem großen Bereich im Rücken liegt der Rucksack überhaupt nicht auf. Das sorgt für einen gute Ventilation und hätte mich im Sommer echt gefreut. Sehr schön ist hier auch, dass die Rückenpolsterung insgesamt recht harmonisch wirkt, also keine Druckstellen durch die kleinen Polster entstehen. Zumindest empfand ich es als ganz angenehm.
Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Befestigungen der Schulterträger. Zwar vertraue ich da auf Mammut, dass sie schon halten, aber soo solide schauts auf den ersten Blick nicht aus. Löst man den unteren Teil eines Schulterträgers per Klett vom Rucksackrücken, kann man ihn nun um 90° verdrehen und dann herausziehen – was beim Hüftgurt übrigens auch klappt. Die Schulterträger lassen sich auf diese Weise in vier Stufen in der Höhe verstellen und somit an den Träger anpassen. Einen Brustgurt gibts natürlich auch.

Gut gefallen hat mir der bewegliche Hüftgurt, denn dieser lässt einem wirklich viel Bewegungsfreiraum und… hach, es macht einfach Spaß mit ihm. Links an ihm befindet sich eine Netztasche, z.B. für einen kleinen Fotoapperat (meine Canon Powershot 640 passt leider nicht hinein) und rechts gibt es einen Karabiner für… keine Ahnung, wenn ich ehrlich bin. Irgendwas kleines. Einen Schlüssel würde ich da ungern dranhängen. Sehr wichtig sind die jeweils zwei sich überkreuzenden Riemen im hinteren Teils des Hüftgurts. löst man sie vollends, schaukelt und wackelt der Rucksack ordentlich in der Gegend herum – zumindest wenn er gut beladen ist. Hier sollte man übrigens auch unbedingt aufpassen: sind diese Riemen gelöst und der Rucksack schwer beladen, so kann er einen bei einigen Bewegungen schon etwas aus dem Gleichgewicht bringen, da er ja nun sehr flexibel am Rücken sitzt! Sinnvollerweise spielt man also etwas mit diesen Riemen und findet das optimale Maß an Beweglichkeit, welche man bis fast zur gänzlichen Starre variieren kann. Gut gemacht! Wenngleich es viele Rucksäcke gibt, die bei Bedarf noch wesentlich „brettiger“ sitzen.

„Praxis“

Bislang klingt das alles nach „echt toll mit klitzekleinen Verbesserungsvorschlägen“. Aber in der Praxis stimmt das so nicht ganz. Zuerst einmal kam ich mir von Mammut etwas veralbert vor, als ich die beiden Rucksäcke, also den „s“ und den „l“ miteinander verglich. Die Hüftgurte unterscheiden sich, klar. Der „l“er ist zu lang geschnitten und passt mir nicht, der kleine sitzt perfekt. Ooohm, ich darf auch mal small tragen.. 😉 Tja, und jetzt? Was unterscheidet die beiden Größen sonst noch? Ich habe einige Augenblicke gebraucht, um es festzustellen. Nichts! Nun, das ist nicht ganz richtig. Bei dem Großen lassen sich die Schulterträger noch weiter oben anbringen. Das bringt sicher mehr Bequemlichkeit, da die Träger hierdurch eben besser sitzen oder überhaupt passen. Aber Rucksackgrößen unterscheiden sich nun mal in erster Linie durch die Rückenläge. Will man den Rucksack sinnvoll nutzen, so beschreiben die Lastkontrollriemen einen nicht zu flachen Winkel (optimal > 25° zur Horizontalen), um ihre Wirkung gut zu entfalten. Hierzu müssen sie Rucksackseitig weit oben ansetzen und dann zum Schulterträger, wenn man den Rucksack beladen aufsetzt, abfallen. Je flacher der Winkel, desto schlechter die Wirkung – und das merkt man massiv. Sie sind zu einem guten Teil mitverantwortlich dafür, dass das Rucksackgewicht und der ganze Rucksack einfach nach hinten wegkippt. Der Hüftgurt bringt das Gewicht auf die Hüfte und versucht den Rucksack nah am Rücken zu halten. Aber ohne die Schulterträger und Lastkontrollriemen gelingt das nun einmal nicht. Hier hat Mammut einfach geschludert oder versucht mit identischen Packsäcken (nur die Aufnahme für die Schulterträger und diesbezügliche Bezeichnung variieren) Geld für unterschiedliche Ausführungen oder Entwicklungskosten einzusparen. Das ist wirklich schade und lässt diesen Rucksack für größere Menschen über ~180cm weniger sinnvoll erscheinen. Bei mir liegen die Lastkontrollriemen schon sehr genau horizontal!
Hier hätte man doch gleich so ehrlich sein können die Befestigungsplatte der Träger zu verlängern und sich den Käufer einen Hüftgurt aussuchen zu lassen. Auf Nachfrage , quasi eine Sonderbestellung bei Mammut, wäre es ohnehin möglich gewesen einen „l“ Rucksack mit einem „s“ Hüftgurt zu erhalten.
Dieser Punkt ist echt, echt schade, denn Mammut verspielt sich hier rucksackerfahrene, große Kunden – und mich. Und das, obwohl mir der Rucksack ansonsten gepasst hat wie bislang kein zweiter in dieser Größe. Für mich war aber dies einer von zwei ausschlaggebenden Punkten gegen eine Kaufentscheidung. Der zweite Punkt ist eher eine Hochrechnung einer Ahnung eines Gefühls. Ist der Rucksack mit rund 16Kg beladen, spüre ich den kunststoffrahmen des Hüftgurts an seiner Unterseite ganz leicht und befürchte, dass dies mit zunehmendem Tragen intensiver wird und schließlich unangenehm.

Würden diese beiden Punkte überarbeitet werden, so wäre es für mich ein exzellenter Rucksack für viele Gelegenheiten. Ein urgemütliches Dingen mit einem Tragesystem, dasss zumindest mit den getesteten 16Kg überhaupt kein Problem hat, noch dazu sehr flexibel ist und dem Träger schön viel Bewegungsspielraum lässt. Ob die gewählten Kunststoffbefestigungen auch bei extremer Kälte gut funktionieren und bruchfest sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass dieses Detail den Käuferkreis etwas eingrenzen mag.
Sollte Mammut die genannten Punkte überarbeiten, erhielte man für 180-190€ einen wirklich tollen Rucksack. Bis dahin kann ich ihn nur einer eingeschränkten Käuferschicht empfehlen: kleineren, nicht allzu schmal gebauten Trekkern.

… und mein Prädikat?

Empfehlenswert – Für kurze Rückenlängen. Für alle anderen eher nicht – ausprobieren!

In aller Kürze

+ große Flexibilität und guter Bewegungsfreiraum
+ Packsack wirkt sehr durchdacht
+ gute Lastübertragung
+ optimale Passform (zumindest für mich)
+ leichte, aber solide wirkende Materialien
+ gute Belüftung

– auch große Größe nicht für lange Rücken geeignet
– Kunststoffrahmen des Hüftgurt kann eventuell(!) etwas drücken
– keine Trekkingstockhalterungen
– Trinkblasenfach und -ausgang könnten größer sein
– Schlafsackfachreißverschluss hängt gern in der Abdeckung
– Hüftgurte sind ganz schön lang geschnitten
– Aluminiumrahmen war bei einem Exemplar nicht korrekt montiert

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