Test: Black Diamond Mercury 75

Testbericht zum Black Diamond Mercury 75

[aktualisiert am 26.01.2013]

Black Diamond kann Rucksäcke bauen, das haben sie schon häufig bewiesen. Im vergangenen Jahr begleitete mich beispielsweise der Infinity 50 auf dem Lykischen Weg und glänzte vor allem mit der extremen Bewegungsfreiheit die er mir bot. Kernstück des Infinitys ist der beweglich gelagerte und höhenverstellbare(!) Hüftgurt. Einzig hat man den BD Rucksäcken stets ihre Herkunft angesehen, sie entstammen der Kletterszene. Der Eigentliche Sack ist tendenziell schlank und einigermaßen schnörkellos gehalten, die Polster sind dünn und straff, daher nicht immer sehr komfortabel, die Rucksäcke relativ leicht. Und nun gibt’s den Mercury.

Ausstattung

Ist an ihm irgendwas ungewöhnlich, irgendwas auffällig? Nun, dafür sollte man ihn sich mal näher anschauen. Wir stellen uns einfach vor den 2400g schweren (75 Liter, Gr. L) Mercury nicht in einem Laden vor uns zu sehen, sondern ihn soeben geliefert bekommen zu haben. Wir packen ihn aus und stellen fest… der Hüftgurt wurde geklaut. Quatsch, wurde er natürlich nicht, aber verbaut ist er eben auch nicht – man muss ihn selbst befestigen. Der dafür benötigte Inbusschlüssel befindet sich in einer kleinen Schlaufe in der rechten Tasche des Hüftgurts. Hoppala, der Hüftgurt hat ja nun tatsächlich auch noch eine linke Tasche hinzubekommen. Hatte mich ja eh schon gefragt, warum z.B. der Infinity derer nur eine besaß.
Der Hüftgurt ist nun etwas kräftiger (dicker) gepolstert, besitzt aber nicht mehr die Aussparung, hinter der sich die Befestigungsschraube zum eigentlichen Rucksack verbirgt. Die Montage wird dadurch etwas fummeliger. Geblieben ist die Umlenkung an der Hüftgurtschließe, die einen strammen Sitz des Gurts zulässt.
So, der Gurt ist montiert… hoppala, was ist denn das? BD hat dem Mercury doch nicht etwa ein ausgeprägtes Rückenpolster spendiert? …um das kurz zu machen: alles mit Körperkontakt ist beim Mercury dicker, kräftiger, bequemer als beim Infinity ausgeführt. Wie mir scheint ein echtes Novum bei Black Diamond.
Um noch kurz in der Gegend des Hüftgurts zu bleiben, auch bei diesem Modell werden die SwingArm Schulterträger eingesetzt, die Bewegungen der Schultern (z.B. einseitiges Hochgreifen) kaum hemmen. Feine Sache.

Bevor wir aber mal zum eigentlichen Sack kommen, sei erst noch die Deckeltasche vorgestellt. Insgesamt besitzt diese zwei Fächer, eines mit Zugriff von oben (außen; und dem obligatorischen Schlüsselkarabiner) und eins von innen. Die Nähte an der Oberseite sind wasserdicht getaped (wie übrigens auch die am Rucksackboden!), der dortige Reißverschluss wasserabweisend. Die gesamte Tasche lässt sich schnell vom Rucksack lösen und gut als Gürteltasche nutzen. Noch besser hätten mir aber rückseitige (zum Rücken des Trägers hin) Blitzverschlüsse zum Entfernen der Tasche gefallen, beim Mercury muss man Gurtbänder durch Schnallen fädeln. Nur eine Kleinigkeit, aber die ist z.B. beim Gregory Palisade doch eleganter gelöst.
Ansonsten… nun ja, der große Sack des Rucksacks fasst ca. 75 Liter (laut Hersteller; auch erhältlich mit 55 und 65 Litern und als Frauenmodell „Onyx“ mit identischen Volumina) und besitzt eine fummelig in der Größe zu variierende Unterteilung zum Schlafsackfach hin. Das Fach fürs Trinksystem (mit beidseitigem Schlauchausgang) ist natürlich auch vorhanden, ebenso wie zwei elastische Taschen seitlich am Sack und zwei effektiv arbeitende Kompressionsriemen pro Seite.

Spannend ist des Mercurys Vorderseite. Auffallend sind hier zwei farblich abgesetzte, wasserabweisende zweiwege Reißverschlüsse. Der äußere gewährt Zugriff auf ein flächenmäßig großes (DIN-4 passt locker rein), aber wenig tiefes Fach, in dessen Inneren noch ein kleines Organizerfach zu finden ist – toll für verlierträchtige Kleinigkeiten. Nach dem Öffnen des zweiten Reißverschlusses kann man einen großen Teil der Rucksackfront einfach wegklappen. Nun wird der Blick auf den Rucksackinhalt… und zwei weitere, viel größere Organizertaschen freigegeben. Eine der Taschen ist für mich beispielsweise der Kulturbeutelersatz.

Was gibt es denn noch? Eine sehr elegante und völlig verstaubare Trekkingstockhalterung und zwei mit Blitzverschlüssen versehene, verstellbare und fast komplett versenkbare Riemen nahe am Boden. Hier lässt sich z.B. eine EVA-Matte befestigen.

Fehlt was?
Sicherlich bin ich mit der Ausstattung noch nicht ganz durch. Am Brustgurt könnte ich noch die Notpfeife oder den coolen Trinkschlauchclip erwähnen. Aber nach einer Din-4 Seite Ausstattung soll es das mal an den auffälligsten Punkten gewesen sein. …vielleicht mal andersherum: gibt es etwas das fehlt? Jep. Mir fehlen beispielsweise kleine Schlaufen auf dem Deckelfach, um mein Solarladegerät dran befestigen zu können… oder so eine geniale Trekkingstockhalterung seitlich am Rucksack/einem Schultergurt, wie es bei Osprey anzutreffen ist. Schnell mal die Stöcke reingesteckt, schnell mal wieder rausgeholt…

Tragen

Aber was bringen denn die dollsten Features wenn der Rucksack sitzt wien Sack und einfach nicht passt? Nix, genau. Die Passform muss halt eh jeder ausprobieren. Was dem einen passt, passt dem anderen vielleicht nur… bescheiden. Ist nicht nur bei Schuhen so, trifft auch ganz besonders auf Rucksäcke zu. Also testen, testen, testen.
Bei mir sitzt der Mercury praktischer- und glücklicherweise ziemlich gut. Der Komfortgewinn ist im Vergleich zum Infinit definitiv zu spüren und ich habe auch den Eindruck, dass er, trotz des ähnlichen Tragesystems, die höheren Lasten verträgt. Beim Infinity wurde es ab 18Kg schnell ungemütlich, der Mercury hat bei den 20 Testkilogram noch nicht schlapp gemacht. Wobei, gut… das Gewicht trug ich auch nicht sehr lang. Der entsprechenden Herstellerempfehlung, den Rucksack bis etwa 20Kg zu bepacken, würde ich also folgen.
Inwiefern die Kombination aus einem großen Rucksack (immerhin 75 Liter) und einem soliden, aber nicht hochpotenten Tragesystem für einen selbst taugt, muss im Einzelfall bestimmt werden. Auf langen Trekks wo viele Lebensmittel/Wasser mitgetragen werden müssen, mag sich ein potenteres Tragesystem als sinnvoller erweisen. In den meisten Fällen langt es aber sicherlich aus – zumindest mir.

ErgoACTIV XP… 3D-Kugelgelenk mit Urethan-Strängen… SwingArm Schulterträger – wie schlägt sich das denn nun alles in der Praxis?
Vornweg sei gesagt, die Erfahrungen mit dem Black Diamond Infintiy können hier praktisch 1:1 wiedergegeben werden. Nach wie vor bin ich von dem beweglich gelagerten Hüftgurt begeistert. Steil bergauf (bergab, einen Felsen hoch, über einen Baumstamm drüber – oder einfach nur mal eine Treppe laufen. Das Gelenk arbeitet und arbeitet, gleicht die Körperbewegungen aus und lässt einem einfach eine tolle Bewegungsfreiheit, schränkt einen kaum ein. Die beweglichen Schulterträger arbeiten im Vergleich dazu eher unauffällig – vielleicht ein Zeichen dafür, dass sie gut funktionieren?!
Dennoch, obwohl das alles gut, unauffällig und effektiv arbeitet, hat das System auch Nachteile. Mir scheint nach wie vor, dass der Rucksack auf ein ungleichmäßiges Beladen sensibler reagiert, als einer mit steifem Hüftgurt. Mag nicht soo tragisch sein, schließlich kann man sich beim Packen ja Mühe geben. Zweitens habe ich immer mal wieder das Gefühl, dass die Schulterträger nicht so ganz gleichmäßig sitzen (in ihrer Flexibilität sind sie ja miteinander verbunden). So kommt es, dass ich den Rucksack immer mal wieder auf den Schultern zurecht schuppse… und sitzt es jetzt? Noch nicht… Moment… jetzt? Mehr oder weniger. Vielleicht hab ich diesbezüglich aber einfach auch nur einen Tick… 😉
Übrigens nochmal zum Hüftgurt. Im Vergleich zum Mammut Heron/Hera lässt sich dieser hier nicht um 90° drehen, sondern blockiert  bei… keine Ahnung, vielleicht 35°. Bückt man sich seitlich, droht der Rucksack also nicht damit einen durch Abkippen umzureißen. Praktisch. Ebenso praktisch ist die Arretierung der Rotation. Seitlich am Hüftgurt befinden sich „straffbare“ Gurte. Zieht man beide fest, so bleibt der Hüftgurt recht starr. Sehr sinnvoll. An dieser Stelle übrigens mal mein Dank an die Schwarzdiamantenen, sie haben meinen Bericht zum Infinity offensichtlich gelesen und besagte Gurte am Hüftgurt und ebenso die Lastkontrollriemen gegen gröberes Gurtband getauscht. Beim Infinity ist das glatte Band bald durch die Spanner gerutscht, was unheimlich nervig war/ist. Beim Mercury wurde das nun wesentlich verbessert, ein Durchrutschen ist mir bislang nicht merklich untergekommen.

Klima
Auch wenn die Polsterung nun allgemein kräftiger ausgefallen ist, der Mercury liegt noch immer eng am Rücken. Im Bereich der Wirbelsäule befindet sich ein Lüftungskanal und in den Polstern zu beiden Seiten viele weitere Kanäle. Das lüftet insgesamt recht passabel, aber Wunder darf man nicht erwarten. Immerhin: ein vollgeschwitzter Rucksackrücken trocknet rasch wieder.

Verarbeitung und Bedienung

Zunächst einmal: die Verarbeitung ist tadellos und veranlasst mich zu keinerlei Rumgemeckere. Punkt.
Jetzt aber… Nach wie vor sind die bereits beim Infinity verwendeten Blitzverschlüsse nicht meine Lieblinge. Man muss (was ja eigentlich auch kein Problem ist) schon sehr genau treffen, will man sie zusammenstecken. Viele andere Verschlüsse, z.B. auch die, um die Isomatte zu befestigen,  gleichen ein nicht perfektes Treffen ganz einfach aus, die vom Deckel und den Kompressionsriemen nicht.
Die Isomatten- und Trekkingstockhalterung funktioniert tadellos und prima ist es auch, wie bereits beschrieben, dass man die entsprechenden Schlaufen quasi unsichtbar machen kann.
Ordentlich sind alle Taschen, wobei ich mir die am Hüftgurt noch etwas größer gewünscht hätte – aber das liegt einfach daran, dass mein nicht ganz so kleiner Fotoapparat gerade so nicht hineinpasst. Die Idee, den für den Hüftgurt benötigten Inbusschlüssel in solch einer Tasche (genauer in einer Gummischlaufe darinnen) zu verstauen, ist prima. Noch prima…er sind die Reißverschlusszipper. Der „Griff“ besteht aus einer gummierten Schlaufe: Finger rein und ziehen, perfekt. An sich sind die Reißverschlüsse, wie gedichtete Reißverschlüsse nunmal so sind, eher schwergängig. Vielleicht ist das der Grund weswegen ich ihnen rein subjektiv irgendwie weniger Belastbarkeit zutraue. Ich jedenfalls gehe vorsichtig mit ihnen um.

Fazit

Black Diamond hat dem Mercury extra einen Anhänger beigefügt: Komfort. Und das stimmt schon.
Der Käufer erhält mit dem Mercury/Onyx einen sehr interessanten und komfortablen Rucksack mit manch schönem Detail und einer extrem guten Bewegungsfreiheit. Und das zu einem durchaus moderatem Preis von ca. 200€ (je nach Rucksackgröße etwas weniger bzw. mehr).
Und bevor ich Wiebke in den Wahnsinn treibe… beende ich den Bericht lieber mal an dieser Stelle. 😉

Nachtrag

Den Mercury hatte ich wiederholt auf Wintertouren mit dabei, was mir neue Erkentnisse über den Rucksack einbrachte. Positive wie negative. Fangen wir mal mit dem positiven an. Das Tragesystem habe ich auf einer Solotour bis knapp 24Kg Gesamtgewicht belastet und dieses Gewicht hat es gut weggesteckt, was mich ziemlich überrascht hat. Schön! Als sehr unschön haben sich hingegen die Reißverschlüsse gezeigt. Zwar behandel ich sie wie rohe Eier, dennoch hat der Deckelreißverschluss auch schon mal ins leere gegriffen und den Deckel eben nicht verschlossen. Wird es draußen eisig werden sämtliche Reißverschlüsse ziemlich störrisch, wobei die beiden am Hauptsack, von der schlechten Bedienbarkeit mal abgesehen, keine Probleme machten. Derjenige am Deckel war hingegen kaum mehr zu bedienen und manchmal bedurfte es mehrerer vorsichtiger Anläufe, damit er korrekt schloss. BD weiß von diesem Problem und sie haben mir im Ernstfall unkomplizierten Ersatz angeboten. Aber dennoch, unterwegs zählt Haltbarkeit und da verzichte ich lieber auf schnörkelloses und filigranes Design und hab dafür schlicht haltbare und funktionierende, schlicht praxisgerechte Reißverschlüsse.
Aufgrund der ansonsten sehr positiven Eigenschaften des Mercurys möchte ich ihn durch dieses sehr ärgerliche Detail nicht vollends abwerten. Der Käufer sei aber hierauf hingewiesen: Einsatz der Reißverschlüsse mit Vorsicht und möglichst nicht im Winter. Naja.

Und mein Prädikat?

Empfehlenswert

Abgewertet von ehemals „Sehr empfehlenswert“ aufgrund der schlechten Reißverschlüsse.

In aller gebotenen Kürze

+ lässt dem Träger sehr große Bewegungsfreiheit
+ schöne Details (Organizer(!), verstaubare Schlaufen…)
+ relativ geringes Gewicht
+ gutes Tragesystem, gute Lastübertragung
+ höhenverstellbarer Hüftgurt
+ gute & sinnvolle Taschen
+ ordentliche Belüftung
+ stimmige Konstruktion, gute Details
+ ordentlicher Preis

– schlechte Reißverschlüsse
– wenig Befestigungsmöglichkeiten

Links

Direkt zum Black Diamond Mercury 75 (Herstellerseite):
http://www.blackdiamondequipment.com/de-de/shop/mountain/packs/mercury-75-pack

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3 Gedanken zu „Test: Black Diamond Mercury 75

  1. guter Bericht. Ich muss aus der Erfahrung eines 3,5 wöchigen Pyrenäentrips jedoch eingestehen, dass ich mit dem Rucksack hinsichtlich seiner Verarbeitung überhaupt nicht zufrieden war. Bin eigentlich ein großer Fan von BD, jedoch war soviele Stellen schon so abgenutzt wie ich es bei anderen Rucksäcken von mir erst nach Jahren hatte. Habe den RUcksack nun eingeschickt. Ein neuer ist unterwegs. Hoffe er hält besser.

    • Tja, ägerlich. Die gleichen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Den Hüftgurt meines Mercurys habe ich nun übrigens an meinen Infinity geschnallt, das ist nun bequemer, aber Reibestellen gibt es nach wie vor (nun noch mehr) und das Material ist an den Stellen dünn bis durch. Sehr schade und ich meine auch nicht, dass ein neuer Rucksack länger halten wird, leider

  2. Pingback: Winterwanderung im Böhmerwald | Rad und Fuß

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