Test: Black Diamond Ultra Distance

Testbericht: Black Diamond Ultra Distance Trekkingstöcke

Hat da etwa jemand den Trekkingstock neu erfunden? Trekkingstöcke, das sind doch diese ineinanderschiebbaren Wanderstöcke aus Aluminium oder, wenn man tiefer in die Tasche greifen möchte, Carbon. Auseinandergezogen halten sie aufgrund einer Innen- oder Außenklemmung und können somit gut und recht schnell auf den jeweiligen Träger und auch das vorhandene Gelände eingestellt werden. Bergauf werden sie kürzer, bergab länger gestellt. Je nach Geländeart sind solche Stöcke kraft- und, vor allem bergab, knieschonend. Zudem stelle ich fest, dass ich mit Stöcken meist schneller unterwegs bin.
Und was präsentiert hier Black Diamond mit dem Ultra Distance? Etwa eine Lawinensonde mit Handgriff? Das könnte man fast meinen. Die drei Stocksegmente sind, ähnlich wie etwa auch ein Zeltgestänge, mit einer innenliegenden (ummantelten) Schnur verbunden, der Griff außerdem beweglich gestaltet. Das hat folgenden Hintergund: lässt man die beiden unteren Segmente lose baumeln und bewegt den Griff auf dem oberen Stocksegment gen Himmel, so strafft sich das Seil und zieht die unteren Segmente zum oberen hin, führt sie ineinander und -klick- schon ist der Stock arretiert. Das geschieht wenn der Griff weit genug gezogen wurde; dann springt ein Pöppel unter ihm hervor und versagt ihm das Zurückspringen in die entspannte Position. Umgekehrt muss einfach besagter Pöppel gedrückt und die einzelnen Segmente etwas auseinandergezogen und gefaltet werden. Schon kann man ihn verstauen.

Der aufmerksame Leser hat nun verstanden: der Stock lässt sich nicht in der Länge verstellen. Ja… und was soll das dann? Dann ist er in der Praxis doch gar nicht zu gebrauchen! Nun, auch wenn das Verstellen der Stöcke ja eine ganz schöne Sache ist, in der Praxis nutze ich diese Option praktisch nicht – ist mir einfach ein zu nerviges Gefummel. Viel eher greife ich in den verschiedenen Geländebeschaffenheit einfach am Stock um. Meine Black Diamond Trail boten mir hierfür ein schön langes Griffstück, um die Handposition ordentlich variieren zu können. Wozu brauche ich dann also die Verstellbarkeit? Ehrlichgesagt (fast) keine Ahnung. Das sah ich irgendwann ein und als ich dann feststellte, dass es fixe Stöcke mit einem unglaublich geringem Gewicht gibt, war ich hin und weg und wollte so einen unbedingt ausprobieren. Die Bergfreunde stellten mir diese Testexemplare freundlicherweise zur Verfügung (vielen Dank nochmals!) und nun… werde ich meine alten BD Trail jemals wieder benutzen? Beinah bin ich versucht zu sagen: nein. Klar, das liegt nicht einzig und allein an der fixen Länge der Ultra Distance, die ist ja eigentlich eher egal. Entscheidend dabei sind aber zwei Punkte.
Erstens: wo keine Klemmung ist, kann auch nichts durchrutschen. Es gibt leider immer mal wieder Stöcke deren Klemmkraft nicht ausreicht, um ihn voll belastet auf der gewählten Länge zu fixieren. Das kann zu sehr misslichen Situationen führen. Aber gut, bei meinen Trail hatte ich das Problem nie und auch sehr viele anderen Stöcke sind darüber erhaben.
Zwotens: Wenig dran bedeutet wenig Gewicht. Hey, die BD Ultra Distance wiegen bei 130cm Länge schlappe 275g/Paar, die Trail 528g – das ist mal beinah das Doppelte! (<– Gewicht = Herstellerangabe. Selbst nachgewogen lautet die Angabe für den Ultra Distance: 148g und 149g = 297g).

Praxis

„Na und? Diese 250g machen den Kohl auch nicht mehr fett.“ Doch, genau das machen sie. Wer beide Stöcke mal gegeneinander in die Hand nimmt, wird sicher in leichtes Staunen fallen (so wie meine Mitwanderer und zuvor auch ich). Wer dann eine Ecke mit den Ultra Distance läuft und anschließend wieder auf „normale“ Stöcke wechselt, der wird gleich wieder tauschen wollen. Vor allem meine Muskeln in der Ecke der Schultern/Schulterblätter danken mir das niedrige Gewicht. Sie sind beim und nach dem Laufen wesentlich entspannter – und ich somit auch. Das geringe Gewicht ist aber nicht nur sehr stark in der Hand zu spüren, sondern auch am Rucksack. Die Trekkingstockhalterungen befinden sich ja in aller Regel an der dem Träger abgewandten Seite des Rucksacks und die dort angebrachten Stöcke haben eine entsprechend große Hebelwirkung. Hier ein halbes Pfund zu sparen ist schon nicht zu verachten.
Genau an dieser Stelle ist aber auch auf einen Nachteil dieser Stöcke hinzuweisen. Seltsamerweise kann gerade das kurze Packmaß solcher Stöcke unpraktisch sein (bei kürzeren Fixis ist es noch einiges geringer), denn die meisten Stockhalterungen werden für sie schlicht zu groß sein (oberes/unteres Teil der Halterung zu weit auseinander). Ob das schlimm ist hängt vom Rucksack ab. Schließlich verfügen die meisten Rucksäcke über Kompressionsriemen, Seitentaschen oder eine Frontflap die jeweils zur Befestigung dienen können. Da die Stockspitze beim zusammengefalteten Stock nicht den untersten Punkt bildet, ist die Gefahr sich den Rucksack durch sie zu beschädigen zumindest relativ gering.

Alles schön und gut, aber natürlich muss der Einwand gelten: so leicht wie der Stock ist… der ist sicherlich ziemlich unstabil?! Na, da weiß ich nun auch nicht was ich zu sagen soll. Noch ist mir kein gebrochener Ultra Distance zu Ohren gekommen und meiner hält auch noch. Für mich ist die Steifigkeit der Stöcke besonders beeindruckend. Das mag kein entscheidendes Dauerhaltbarkeitskriterium sein, zeugt für mich aber von der hervorragenden Arbeit die Black Diamond bei diesem Stock geleistet hat.
Ebenfalls sehr, sehr schön ist die überaus geringe Neigung zu Vibrationen nach dem Aufsetzen des Stocks. Sie sind zwar zu spüren, aber wenn ich das mit anderen Stöcken wie den Trail vergleiche, ist das schon eine ganz andere Hausnummer.

Natürlich darf ich zwei weitere Merkmale der Stöcke nicht außer Acht lassen. Die Handschlaufen (links und rechts unterschiedlich und entsprechend markiert) und die Griffe. Beide sind eher spartanisch ausgeführt und man merkt den Drang Gewicht zu sparen. Meiner Meinung nach macht das aber gar nichts, denn komfortabel sind sie beide immer noch und auch die einfache Handschlaufenverstellung per Klett gefällt mir nicht schlecht. Die eher dünnen Griffe sind für eine variablere Griffposition wenig konturiert, aber mit einer kurzen Griffverlängerung ausgestattet. Da man die Stöcke nun einmal nicht verstellen kann hätte ich mir diese Verlängerung durchaus länger gewünscht, aber das ist aufgrund der Arretierung (Pöppel) und dem verschiebbaren Griff wohl nicht machbar. Ebensowenig kann man sich einfach Griffband unter den Handgriff kleben. Gut, das ist nun nicht so tragisch – immerhin fühlt sich das Carbon angenehm an und wirkt auch nicht so kalt wie Metall.

Übrigens: das innenliegende Seil kann sich mit der Zeit etwas längen. Um das auszugleichen befindet sich zwischen den beiden unteren Segmenten eine Rändelschraube über die man dessen Spannung ganz einfach einstellen kann.

Kontruktive Schwächen

Folgende Kritikpunkte sehe ich nicht als zur Abwertung führende Negativpunkte an, aber dennoch sollte man sich vor dem Kauf darüber im Klaren sein.
1. Da die Stöcke nicht verstellbar sind und nicht direkt mit einem zweiten Stock verbunden werden können, eignen sie sich nicht optimal zum Aufstellen mancher Zelte/Tarps, wie z.B. dem Shangri-La 3. Meine Trail kann ich einfach mit einem Alurohr „kurzschließen“ (siehe Fotos), bei Fixis geht das lange nicht so elegant. Hier muss man im Prinzip beide Stöcke ganz eng nebeneinander bringen und versuchen sie mit Klettverbindern o.ä. zu verbinden. Ob das dem Carbon allerdings viel Spaß macht, weiß ich nicht. Alternativ könnte man sich gerade beim SL 3 eine etwa 25cm hohe Unterlage (bei den 130er Stöcken) aus seinem Rucksack etc. basteln. Naja, perfekt ist das sicherlich nicht.
2. Das untere Segment besteht aus Carbon und gerade mit diesem Segment hat man immer mal wieder Felskontakt. Carbon ist gegenüber Schlägen und Kratzern empfindlich – also stets gut aufpassen, denn die Carbonfasern dürfen nicht beschädigt werden, es droht ein Bruch! Alternativ kann man, das ist gerade mal so mein Gedanke, das untere Segment mit Tape vor Schlägen und Kratzern schützen. Die paar Gramm machen den Kohl sicher nicht mehr fett… Auch das ist sicherlich nicht extrem elegant, aber immerhin gibt es transparente Reparaturfolie… ich probiere das ganze mal aus.
3. Es handelt sich um drei Jahreszeitenstöcke mit nur einem kleinen Teller. Die Empfehlung liegt eher bei schnellen und, was das Gewicht angeht, leichteren Touren und dem Trailrunning. Eine offizielle Gewichtsbeschränkung gibt es nicht, Black Diamond empfiehlt aber bei über 100Kg Gesamtgewicht auf andere Stöcke, wie z.B. die Distance oder Distance FlickLock auszuweichen. Erstere sind, vom verbauten Aluminium statt Carbon mal abgesehen, wohl baugleich mit den Ultra Distance. Die Distance FL besitzen darüber hinaus noch einen geringen Verstellbereich zur Längenanpassung. Während die Ultra aber nur rund 85g schwerer als die Ultra Distance sind, bringen die FL schon wieder ein Mehrgewicht von ca. 185g mit.
Interessant wäre in diesem Zusammenhang sicherlich eine Kreuzung der Distance mit den Ultra Distance. Bestünde nur das unterste Segment aus Aluminium, würde man das Gewicht zwar nicht vollends ausreizen, aber dennoch einen extrem leichten und dabei stabileren Stock realisieren. Und wo ich mir gerade schon Gedanken über die Materialien mache, wäre es nicht möglich auf ein Carbonsegment einen Hauch von schützendem Aluminium aufzubringen? Keine Ahnung, für mich klingt das aber interessant.

Lieferumfang

Zu guter Letzt: Mit den Stöcken wird eine sehr leichte Tasche mit einem kleinen Extrafach für ein zweites Paar Spitzen mitgeliefert. Das zweite Paar gibt es auch schon dazu (es sind dabei: Carbid- & Gummispitzen; zum Austausch braucht man am besten eine Zange). Die Anleitung lässt, von einer Gewichtsempfehlung mal abgesehen (die Auskunft kam direkt von BD), eigentlich keine Fragen offen. Zu erwerben sind sie in vier Längen: 100, 110, 120 und 130cm.

Fazit

Die Black Diamond Ultra Distance bestechen durch ihr extrem geringes Gewicht und ihre großartige Funktion. Es sind ganz einfach Stöcke, bei denen alles passt. Einzig in sehr felsigen Gebieten mögen sie nicht perfekt sein, da das Carbon Felskontakt nicht sonderlich mag. Wer mit den Einschränkungen (nicht verstellbar, weniger stoßfest, möglicherweise weniger robust als ein Leki Sherpa XL…) leben kann, der erhält für 129,95€ keine billigen, aber außerordentlich gute Trekkingstöcke.

Und mein Prädikat

Sehr empfehlenswert +

Würde ich mir die Stöcke (wieder;) kaufen?

Definitiv: Ja. Es sind schlicht meine absoluten Lieblingsstöcke!
Für schwerere Burschen, viel Gepäck oder sehr felsiges Gelände sind die normalen Distance aber wohl die sinnvollere Wahl. Ein leichtes Mehrgewicht erkauft man sich günstiger und wird mit einer größeren Haltbarkeit belohnt.

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Ein Gedanke zu „Test: Black Diamond Ultra Distance

  1. Hi! Ich war kürzlich mit einem Bergführer unterwegs, der bereits drei dieser Stöcke zerstört hat 🙂 Er benützt sie um auf Schneefeldern/Gletschern zu laufen – wenn man dann dort ausrutscht und die Stöcke seitlich ruckartig belastet, brechen sie an den Verbindungsstücken -immer an der selben Stelle. Ich selbst schließe mich aber deiner Empfehlung voll und ganz an, ich hab die Stöcke auch seit ein paar Wochen und bin wirklich begeistert! Das Gewicht ist der Hammer. Dass man sie allerdings am Rucksack nicht ordentlich fixieren kann, ist mir auch schon aufgefallen. Naja, Jammern auf hohem Niveau 🙂

    Dein Bericht gefällt mir jedenfalls gut!

    Liebe Grüße,

    ulligunde

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