Test: Berghaus Bioflex 60+15

Bioflex...Testbericht vom Berghaus Bioflex 60+15

Auf ihr Bioflex-System scheint die Firma Berghaus außerordentlich stolz zu sein. Bioflex bezeichnet im Prinzip erst einmal das System eines flexibel gelagerten Hüftgurts. Ganz neu ist es nicht mehr, es kam bereits 2005 auf den Markt, aber aktuell ist es erneut überarbeitet worden. Andere Firmen wie Mammut und Black Diamond haben die Idee aufgegriffen und ebenfalls mehr oder weniger beweglich gelagerte Hüftgurte auf den Markt gebracht. Ich berichtete über derer drei. Bleiben wir aber bei Berghaus. Ist der Stolz auf das Bioflex angemessen und der Preis des Rucksacks gerechtfertigt? Schließlich kostet er grobe 260€ in der getesteten 60+15L Variante und das ist gar nicht so wenig Geld für einen Rucksack…

Technische Finessen & Ausstattung

Bioflex: Ein interner Aluminiumrahmen bringt das Rucksackgewicht auf das Gelenk, welches den eigentlichen Rucksack mit dem Hüftgurt verbindet. Der Hüftgurt kann nun fröhlich vor sich hin rotieren, wird aber irgendwann und sehr effektiv von zwei Gurten in seiner maximalen Auslenkung begrenzt. Über diese Gurte kann er auch weitestgehend blockiert werden. Weiterhin kann der Rucksack auch wunderbar über den Hüftgurt kippen. Soll heißen: beugt man sich nach oben oder bückt man sich nach vorn, folgt der Rucksack den Bewegung hervorragend. Drehungen des Oberkörpers nach links oder rechts „federt“ das Bioflex auch mit, aber das erscheint es mir eher über eine leichte Verwindung des kompletten Systems zu realisieren –  macht nichts, klappt ja.
Hyperlink: Besonders gut gefällt mir der eigentliche Hüftgurt. Dieser ist schlangenförmig von einem Aluminiumrohr durchzogen, was ihn vertikal bocksteif mach. Dennoch legt er sich geschmeidig um die Hüfte. Dieses Hyperlink genannte System soll das Gewicht auf die gesamte Hüfte verteilen und somit eine eher punktuelle Belastung verhindern.
Prima: Trotz seiner Steifigkeit kann man den Hüftgurt komplett nach vorne einklappen oder hintenrum um den Rucksack schließen. Klasse für enge Kofferräume oder Flugreisen.
Rückenlängenverstellung: Nach den Erfahrungen mit meinen letzten Rucksäcken habe ich schon fast vergessen, dass viele Rucksäcke über eine Rückenlängenverstellung verfügen, so auch dieser. Das Prinzip ist sehr einfach. Die Schultergurte hängen an einer Platte mit Klettflausch. Diese Platte muss man nun vom Rucksackrücken wegdrücken und schon kann man sie verstellen. Ganz einfach, ganz gut. Aber Berghaus bietet den Rucksack nur in einer Rückengröße an und die Verstellung der Schultergurte ist nur eine halbherzige Rückenlängenanpassung. Warum? Großen Trägern wird der Winkel der Lastkontrollriemen zu flach sein. Sinnvoller erscheint mir für große/kleine Träger den gesamten Rucksack einfach länger/kürzer zu bauen und die höhenverstellbaren Schultergurte nur zur Feinanpassung zu verwenden. Zudem bietet Berghaus meines Wissen nach nur eine Hüftgurtgröße an.  Ob eine Hüftgurtgröße für alle Träger optimal ist, wage ich stark zu bezweifeln.
Der übrige Rucksack ist erst einmal wenig spektakulär. Eigentlich sieht er aus wie die meisten anderen, nur etwas… weniger schön. Klar, das Design ist ziemlich egal – vor allem weil ich ihn ja eh nicht sehe wenn ich ihn trage. Aber immerhin war das Urteil „nicht sehr schön“ ein einhelliges unter den ersten vier Begutachtern bei mir. Wichtiger als das Design sind da schon die Ausstattungsdetails und da hat der Berghaus wirklich einiges zu bieten. Fang ich mal von innen an und arbeite mich nach außen vor.
Wie die meisten großen Rucksäcke besitzt auch dieser eine Abtrennung zwischen dem Schlafsackfach, welches über einen eigenen Reißverschluss zugänglich ist, und dem Hauptfach. Diese Abtrennung ist zwar nicht fest mit dem Rucksack vernäht (Klettverschluss Richtung Rucksackrücken, Reißverschluss vorne), aber leider kann man sie zur Gewichtsersparnis nicht einfach herausnehmen – der Reißverschluss lässt sich auch komplett geöffnet nicht trennen.Optisch interessant abgesetzte Reißverschlüsse...
Mehr als ein breites Trinkblasenfach und schön große, beidseitig angebrachte Schlauchausgänge findet man innen eher nicht. Machen wir also beim Deckelfach weiter. Eigentlich ist dies sehr schön gestaltet und praktischerweise auch in der Höhe zu verstellen. Nur abnehmbar ist es aufgrund eines angenähten Schneeschutzes leider nicht. Da hätte man doch wirklich mit einem Klett arbeiten können?! Zur Hüfttasche umfunktionierte Deckeltaschen sind doch irre praktisch! Nun gut. Untendrunter und obendrüber gibt es jeweils ein recht geräumiges Fach in der Tasche. Das obere ist klasse, denn es lässt sich komplett(!) öffnen und auch verborgene Kleinteile kann man in ihm gut wiederfinden. Hier gibt es auch den obligatorischen Schlüsselkarabiner und ganz oben auf dem Deckel vier Schlaufen. Das passt.
Zu den weiteren Taschen. Derer gibt es an der Rucksackfront nämlich ganze fünf Stück. Zwei davon sind die schön geräumigen Netzseitentaschen. Jeweils eine lange Tasche links und rechts gibt es ganz nah am Rücken, eine weitere links, eher an der Front. Der spiegelbildlich angeordnete Reißverschluss auf der anderen Seite gewährt einen nicht verwöhngroßen Zugang zum Hauptfach.
Eine weitere Tasche findet der Träger rechts am Hüftgurt. Warum es links keine weitere gibt? Das mag ich nicht zu beantworten. Für Müsliriegel, den Fotoapparat udgl. fänd ich die zweite Tasche sehr sinnvoll.
Was gibt es denn sonst noch? Fünf Kompressionsriemen, davon einer „über Kopf“. In die jeweils seitlich oberen ist die Stockhalterung integriert – eine interessante Lösung.
Zudem gibt’s an der Front vier kleine Schlaufen, unten am Boden weitere vier, z.B. für die Stöcke.
Beinahe schon ein Novum unter meinen Rucksäcken ist die im Boden integrierte Regenhülle. Die allerwenigsten Rucksäcke schützen dauerhaft gegen Regen und entsprechend sinnvoll kann eine solche sein.

Verarbeitung

Die Haptik ist schlicht gut. Zwar wurden eher keine ultrarobusten  Stoffe verbaut, aber die Stoffe machen allesamt einen recht hochwertigen und haltbaren Eindruck. Die Verarbeitung ist ebenfalls gut oder eher noch besser, aber… was ist denn das? Die verstellbare Rückenplatte, die, an der die Schulterträger befestigt sind – wie ist denn die gefertigt? Bei dieser Konstruktion ist es nicht so ganz einfach die Träger perfekt auszurichten. Ohne Probleme kann man die Platte etwas schräg einsetzen oder zu weit nach rechts oder links platzieren. Hier sollen einem wohl die zwei gut gemeinten Markierungen (farbliche Nähte) an besagter Platte helfen. Würden sie wohl auch, wären sie doch nur richtig gesetzt. Also kurz: man muss sich beim Anpassen auf sein Gefühl, Augenmaß oder den Zollstock verlassen.
Gewöhnungsbedürftig sind allgemein die durch sämtliche Versteller schwer laufenden Gurte. Schwergängig ist zwar besser als durchrutschend, aber es geht eben auch besser.

[Bilder? Tja, da stolpere ich schwerbeladen durch den Taunus und vergesse meinen Fotoapparat. Von daher gibt es Bilder quasi nur vom Dachboden. Ist schade, aber diesmal muss es halt so gehen.]

Probetragen

Um den Rucksack mal auf die Schnelle mit ordentlich Gewicht beladen zu können, plündere ich nach Rucksackerwerbungen stets mein Alkoholregal. In das Schlafsackfach stopfe ich ein Kissen, die Alkoholflaschen platziere ich rückennah und außen kommt noch ein leichterer Gegenstand hinzu. In diesem Fall waren es die ca. 3,1Kg eines Wechsel Intrepid. Die Waage sagt: 18Kg. Ich greife den fetten Handgriff, werfe den Rucksack auf meinen Rücken, schließe den Hüftgurt (–> mit einer Koppel – ungewohnt aber nicht schlecht, nicht schlecht!) und staune erstmal über den Druck des Hüftgurts am Rücken. Nicht unangenehm, aber auch das ist ungewohnt. Die Riemen sind noch alle gelockert und der Rucksack kippt nach hinten wie Bruder Tuck nach einer Trinkkur. Über die Schulterriemen hole ich das Gewicht weiter an den Rücken ran. An den Rücken? Blickt man seitlich auf den Rucksack fällt ein Versatz zwischen dem Hüftgurt und dem Rucksackrücken auf. Bringt man ihn also komplett an den Rücken, so neigt er sich nach oben hin leicht in Richtung Kopf, verläuft also nicht parallel zum Träger. Entsprechend liegt der Rucksackrücken nicht flächig am Rücken des Trägers an, sondern bei mir nur im Bereich direkt unter den Schulterblättern. Der Belüftung kommt das durchaus zugute und Nachteile konnte ich dadurch noch keine ausmachen. Somit ist es vielleicht erstmal komisch, aber durchaus praktisch – zumal das Gewicht dadurch minimal näher an den Träger rückt. Ob das spürbar ist, weiß ich aber nicht.
Jedenfalls: die Lastkontrollriemen lassen den Rucksack bald gut sitzen. Dennoch beschleicht mich das Gefühl, dass der Bioflex keine wirkliche Lust hat mit meinem Rücken zu kuscheln und lieber auf Abstand geht, sprich: nach hinten kippt. Das bedingt eine stärkere Belastung der Schulter und auch wenn die Polsterung in diesem Bereich wirklich gut ist, den Zug nach hinten brauche ich nicht ständig. Der erste Tragetest fällt also noch nicht so positiv aus wie erhofft und erwartet. Woher kommt das? Meiner Einschätzung nach ist das Kippen durch die hohe Beweglichkeit des Gelenks gegeben. Der Hüftgurt bewegt sich beim Bücken wunderbar mit, aber (leider?!) auch dann, wenn man vor einer Wand steht und steil nach oben schaut, sprich quasi ein Hohlkreuz macht. Die Bewegung des Hüftgurts ist dabei die gleiche wie das bloße nach hinten Kippen des Rucksack im normalen Stand. Ein herkömmlicher Hüftgurt sollte den Rucksack mehr oder weniger parallel zum Rücken halten – hier passiert das nicht. Die Praxis wird bei einer praxisgerechten Beladung weiteren Aufschluss über die Kippfreudigkeit und vor allem darüber geben, wie er sich nach längerer Zeit denn so anfühlt.
Diesmal gehe ich bei diesem Test ganz chronologisch vor. Das waren die ersten Eindrücke, die mir der Rucksack vermittelte. Noch bin ich in meinem Urteil gespalten: Das Bioflex-Gelenk arbeitet hervorragend und scheinbar reibungslos und ermöglicht eine grandiose Bewegungsfreiheit (besser als die von mir getesteten Mammut und Black Diamonds). Die Lastübertragung hingegen ist weniger gut.
Desweiteren :Der Rucksack erscheint sehr praxisgerecht mit einer guten und sinnvollen Ausstattung. Trotzdem sind mir ein paar Kleinigkeiten aufgefallen. Schön wären eine zweite Hüftgurttasche, sowie eine abnehmbare und zum Rucksack und/oder einer Gürteltasche umfunktionierbare Deckeltasche. Und, ach ja: viele Rucksäcke haben an der Brustgurtschließe eine Notpfeife, hier fehlt sie leider!

Praxis – Vollbepackt durch den Taunus

Extrem leicht ist dieser Rucksack mit seinen 2220g (nachgewogen) nicht und da seine Größe von 60+15 Litern auch dazu verleitet so einiges einzupacken (und es gibt ja auch ein noch voluminöseres Modell!), sollte auch das Tragesystem seinen Teil leisten und einiges Gewicht stemmen können. 18Kg (mit Rucksack) waren es bei der Probebepackung und das sollte nun wirklich drin sein, eher noch mehr. So viel Gewicht trage ich zwar fast nie mit mir herum, aber mit viel Wasser oder im Winter kommt das schnell mal zusammen. Also bringe ich ihn auf die besagten 18Kg Gesamtgewicht und wandere los.
Wie schon bei den anderen „Gelenkrücksäcken“, ist es auch hier faszinieren einfach mal die Hände zwischen den Hüftgurt und den eigentlichen Rucksack zu halten und zu spüren, wie stark das Gelenk bei jeder Gehbewegung arbeitet. Noch beeindruckender wird es bergauf und bergab. Ihr solltet einfach mal in einen Laden gehen und diesen Rucksack probeweise treppauf und treppab tragen. Mir hat die Gelenkigkeit des Rucksacks richtig Spaß gemacht. Der Argumentation der Berg…häuser kann ich, was die Energieersparnis beim Laufen angeht, folgen. Arbeiten die Muskeln bei anderen Rucksäcken gegen einen mehr oder weniger steifen Rucksack an, müssen sie hier nur ein sehr leichtgängiges Gelenk in Bewegung versetzen und das spart Kraft. Berghaus geht von 3,5 Schokoriegel Energieersparnis auf einer 6 Stundentour aus (Quelle: http://www.bergfreunde.de/basislager/gear-of-the-week-berghaus-bioflex-tourenrucksacke). Ob das nun so stimmt, welche (wie groß?) Schokoriegel gemeint sind und wie ich das nachvollziehen kann, weiß ich auch nicht. Fakt ist, dass ich (rein subjektiv!) weniger Ermüdungserscheinungen in den Oberschenkeln spüre. Tolle Sache das, aber die hohe Beweglichkeit fordert auch ihren Preis. Wie die anderen gelenkigen Rucksäcke, will auch dieser hier penibel gepackt werden. Gewichtsverlagerungen hin zu einer Seite (links-rechts) verzeiht er nicht so schnell wie manch starrer Kollege.
Was sich beim Probetragen aber bereits andeutete, auch unterwegs ist das wegkippen (natürlich und leider) vorhanden. Das finde ich echt schade, denn auf der einen Seite fühlt sich der Rucksack beim Laufen richtig gut an, da er die dortige Muskulatur weniger zu belasten scheint. Auf der anderen Seite belastet er die Schultern stärker und führt bei mir zu Verspannungen in dem Bereich, was ich unangenehmer finde. Das Testgewicht schultert der Hüftgurt locker, aber es wirkt eben stärker auf die Schultern ein.
Die Vorteile bei der Beweglichkeit, der geringeren Muskelbelastung und dem Komfort werden also paradoxerweise mit Nachteilen bei der Muskelbelastung und dem Komfort erkauft – nur eben weiter oben am Körper. Trotz der Überarbeitung des Systems bleibt also noch ein entscheidendes Problem abzustellen: das Wegkippen des Rucksacks.

Fazit

Hoffentlich ist beim Bioflex noch nicht das kontruktionsbedingte Ende der Fahnenstange erreicht. Das Gelenk arbeitet so gut, dass ich den Konstrukteuren wünsche die Kippfreudigkeit abstellen zu können. Denn von diesem Punkt und einigen Detailveränderungen mal abgesehen, ist der Rucksack gut und glänzt eben auch durch manch schöne Details. Mit einem abschließenden Urteil tue ich mich diesmal besonders schwer. Der einzige wirkliche Nachteil ist auch gleich ein gravierender. Somit stufe ich den Rucksack ein als…

Und mein Prädikat?

Bedingt empfehlenswert

Würde ich den Rucksack wieder kaufen oder einem Freund empfehlen?

Ich persönlich würde mir den Rucksack in der aktuellen Version nicht kaufen, weil für mich eben jener Nachteil die Vorteile zunichtemacht und ich ihn noch dazu so gar nicht schön finde. Dennoch würde ich empfehlen den Rucksack zumindest mal anzutesten. Vielleicht passt er zu euch, euren Touren und Ansprüchen besser, ist euch ein hochdynamischer Hüftgurt wichtiger und überspielt die vorhandenen Nachteile. Das Potential ist vorhanden!

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Ein Gedanke zu „Test: Berghaus Bioflex 60+15

  1. Hey, schöner Erfahrungsbericht.
    Hatte überlegt mir die größere Variante zu kaufen, konnte ihn aber noch nirgendwo Testen. Kannst du denn mal deine Körpergröße etc. angeben. Damit man sich vorstellen kann wie der Rucksack auf einen selbst wirkt. Lg. Simon

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