Winterwanderung im Böhmerwald

IMG_0324Winterwanderung im Šumava

Tiefe Entspannung musste her und so beschloss ich meinen diesjährigen Winterurlaub allein zu verbringen. Allein mit meinen Schneeschuhen, dem Zelt und der Natur. Doch wohin? Das war die Schwierigkeit. Eine Schneegarantie war unumgänglich, das wollte ich unbedingt, darüberhinaus sollte die Strecke schön aber nicht sonderlich anspruchsvoll sein. Ich bin kein Alpinheld und gerade allein wollte ich keine unnötigen Risiken eingehen. Hilfe und wertvolle Tipps erhielt ich von einigen ODSlern und den Vorschlag „Böhmerwald“ nahm ich an.
Dort war ich noch nicht, die Wege sind einfach zu gehen und es gibt ausgewiesene Notübernachtungsplätze – ansonsten ist das Zelten im Nationalpark Sumava ebenso streng verboten wie auf deutscher Seite.

Es geht los

Lange Rede, kurzer Sinn: Am 2.1.2013 starte ich früh morgens mit unserem kleenen Peugot 306 Kombi und trete die Fahrt in Richtung Bayerisch Eisenstein an. Solch Fahrten mag ich ja nun gern: allein singend durch die Republik und niemand muss dies Gejaule ertragen. Wenn ich nicht singe, läuft die Lesung von Stepensons Cryptonomicon. Ein Hammerbuch.
Im Kofferraum liegt die komplette Ausrüstung bereit. Alles fertig gepackt und verstaut, alles sofort mitnahmebereit. Aber wo um alles in der Welt ist der Schnee? In Frankfurt herrscht Sonnenschein (mehr oder weniger), ebenso auf jeder Autobahn, Bundes- und sonstiger Straße die ich befahre. Gut, das wird sich noch ändern, schließlich düse ich doch in den Böhmerwald mit seiner… Schneegarantie? Davon ist bis kurz vor dem eisernen Stein in Bayern aber rein gar nicht zu sehen und ich ärgere mich schon beinahe nicht meine kurze Hose eingepackt zu haben… Aber was ist das? Die Straße windet sich höher und höher und da erblicke ich doch tatsächlich Schnee! Viel nicht, aber das wird sich bald geändert haben. Bayerisch Eisenstein erreiche ich im Dunkeln und hinterlasse mein Auto am dortigen, irgendwie zwiegespalten Bahnhof. Nun steht mir eine grobe Woche Wanderung bevor, bevor ich einige mir liebe Orte in Tschechien besuchen werde und per Bahn zum Auto zurückfahre.

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Toilettenhäuschen am Notübernachtungsplatz

Meine Lowa Cevedale werden für die erste größere Tour geschnürt (und erweisen sich als herausragende Trekkingstiefel; derzeit massiv im Angebot (18.03.2013), der Rucksack und die Stirnlampe aufgesetzt, die Karte in die Hose gepackt und los geht’s. Den Bahnhof lasse ich rechts liegen und marschiere erst einmal parallel zur Hauptstraße, bevor es rechts in den Wald hineingeht. Es ist dunkel, mir ist kalt und… links ab geht es zu einem Ort, an dem einem wohl die verschiedensten Wünsche erfüllt werden sollen. Ich habe gerade trotzdem nur einen und das ist die Nacht in meinem Tadpole (mein Testbericht zu ihm) zu verbringen. Hierzu muss ich aber natürlich erst noch ein paar Kilometer durch den Wald trotten. Stetig geht’s bergan, nicht steil, aber dafür eine ganze Weile. Normalerweise würde ich jetzt wohl auf asphaltierten Wegen gehen, an wenigen Stellen ist der Untergrund ersichtlich, aber nun liegt Schnee und der wird stetig tiefer. Ich bin motiviert, gebe Gas und beginne zu schwitzen. (Tiefer) Schnee ist zum Laufen halt nicht der einfachste Untergrund, aber schließlich stehe ich vor dem ersten Unterstand. Der Wind pfeift, ich gönne mir ein paar Schlucke Gemüsebrühe… und bin nicht allein dort oben. Irgendwo in den Wäldern leuchtet eine Taschenlampe, geht dann wieder aus. Weiter geht’s. Diesmal leicht bergab, um ein paar Kurven und nach einer weiteren Weile öffnet sich der Wald zu einer Lichtung. Der Wind hat zugenommen und donnert gegen ein Toilettenhäuschen. Toilette? Hier ist also der erste Notübernachtungsplatz. Netterweise haben die Tschechen diesen Plätzen ein Plasteplumpsklo beiseite gestellt, im Winter erstaunlich geruchsneutral. Nun ja.
In der Einzäunung des Übernachtungsplatzes findet sich bereits ein Husky – also ein Zelt der Firma Husky, nicht entsprechende Hundemarke. Drinnen sitzen drei junge Tschechien, mit denen ich mich kurz zu unterhalten versuche. Da mein Tschechisch aber sehr beschränkt ist und deren Englisch kaum weiter reicht, kommen wir über die Antwort auf die Eröffnungsfragen, wo ich denn herkomme, kaum hinaus. Macht nichts. Ich baue erst einmal mein Zelt auf. Der Boden ist gefroren, der Schnee sehr flach, die Heringe halten mehr oder weniger. Zur Erbauung dient mir meine Gemüsebrühe, ich schlafe bald darauf ein. Schlaf? Donnerwetter, einen wirklich ruhigen Schlaf finde ich in dieser Nacht nicht. Der Wind lässt das Zelt knattern und flattern, aber raus, um das Zelt besser zu verankern, will ich bei der Kälte dennoch nicht. So schlafe ich wieder ein, wache wieder auf und das im steten Wechsel.
Mit der Sonne wache ich endgültig auf, packe schnell (mehr oder weniger) meine Sachen zusammen und laufe los. Der Schnee ist zwar nicht wirklich tief, aber ehrlichgesagt habe ich keine Lust mehr meine Schneeschuhe am Rucksack zu tragen und schnalle sie kurzerhand unter die Füße. Sehr weit komme ich nicht, bald schon sehe ich ein Hüttchen und koche mir dort einen Asia-Nudelsnack, welchen ich hier wenigstens halbwegs windgeschützt genießen kann. Es beginnt zu schneien, herrlich, und auch gar nicht mal so wenig.
Weiter geht’s, denn so langsam wird mir vom Stehen wirklich frostig. Es geht mal bergauf, mal bergab, aber immer nur sanft und die Strecke ist wirklich gut zu laufen. Von daher habe ich mich ganz richtig entschieden. Wer aber schroffe Felsen erblicken und in Abgründe schauen mag, der suche sich ein anderes Ziel. Immerhin wird es zwischendrin auch mal Weitblicke geben – wenn grad mal kein Nebel herrscht. Links rum, rechts rum… halt! Was ist das denn? Ein gelbes Schild: „Andere Gefahr“. Was soll ich denn damit anfangen? Immerhin entlockt mir das Schild doch einen schönen Schmunzler und eine Entschuldigung eine zweiminütige Pause einzulegen. Das Schild wird es noch häufiger zu sehen geben.
Je höher ich komme, desto tiefer wird der Schnee. Eine wirkliche Schneeschuhtiefe erreicht er zwar nicht, aber ich lege die Dinger nicht mehr ab, sondern mag den prima Grip der Schuhe. Es geht vorbei an einem See, über einen schmalen Pfad und wieder rechts bergan. Am See habe ich die schon vor mir abgereisten Tschechen wiedergetroffen. Nicht zum letzten Mal, wir überholen uns nun permanent gegenseitig. Sie sind schneller als ich, machen aber auch mehr und vielleicht auch längere Pausen.

Mein Tagesziel liegt im Nebel.

Mein Tagesziel liegt im Nebel.

Mein heutiges Ziel, ein Türmsche, befindet sich auf dem Gipfel eines Berges, im Sommer wohl ein beliebtes Ausflugsziel, und auch heute werde ich dort ein paar Leute treffen. Aber erstmal dorthin kommen. Der Wind weht immer mal wieder ganz gut, der Schneefall ist teils stark, aber die Temperaturen passen nicht so wirklich zum winterlichen Bild des Sumavas. Minimale Minusgrade mit leichten Schwankungen ins Positive lassen es am Ende sogar mal etwas regnen. Die Wassertropfen gefrieren sofort auf meiner Jacke und meinem Rucksack. Am Ende des Tages werde ich einen ordentlich gefrorenen Black Diamond Mercury 75 haben, dessen Zipper durch die Kälte praktisch nicht mehr zu gebrauchen sind. Na, das mal nur so am Rande. Wegweiser habe ich schon lange nicht mehr gesehen, praktischerweise habe ich aber drei tschechische Fußspuren vor mir und ich gehe einfach mal davon aus, dass die Jungens wissen wo es langgeht. Der Nebel wird dichter und dichter und schließlich beträgt die Sichtweise vielleicht noch 30 Meter. Ich laufe und laufe und laufe und… endlich bin ich oben angekommen, müde und platt und biege links ab – genau wie auf der Karte verzeichnet. Der Schnee ist teils stark verweht und macht das Laufen zunehmend anstrengender. Nach wenigen hundert Meter werde ich unsicher, bald erkenne ich, dass ich in eine Sackgasse gelaufen bin. Also wieder zurück, wieder durch die Schneewehen. Immer wieder mache ich 3-Sekundenpausen, schließlich habe ich den richtigen(?) Weg wiedergefunden. Ich stehe an einer Kreuzung und versuche einfach mal mein Glück. Voila, da vorne ist jemand mit einer Pulka, dessen Spuren ich während der beiden Tage schon häufiger begegnet bin. Auch er sucht den Turm, wir laufen die letzten Meter gemeinsam. Die Tschechen sind schon da, bald auch zwei Tagesschneeschuhgeher.
Nach kurzer Pause schnalle ich mir meine Schneeschuhe von den Füßen, will mich etwas umschauen und… platsch, liege wenige Sekunden später platt auf dem Rücken. Donnerwetter, ist das glatt! Vorsichtig also zurück zu meinen –> Inook und sie wieder angeschnallt. Jetzt fühle ich mich sicher und suche einen Platz fürs Zelt. Letztlich entscheide ich mich für den Ort mit dem wenigsten Schnee, dem wenigsten Wind und dem härtesten Boden (Stein). Das Tadpole steht auch hier sicher, verankert wird es halbwegs gescheit mittels umstehender Holzbänke. Ich koche mir eine Brühe, friere, bin mies drauf, friere und bin mies drauf und esse Schokolade. Aber auch die bringt mich nicht wieder in gute Stimmung und so beschließe ich die Tour abzubrechen. Im Zelt sitzend studiere ich die Karte und schaue, wie ich am besten zu einem Bahnhof komme. Zugverbindungen werden gecheckt, schließlich Magda angerufen. Die ist nicht da, großer Mist. Keine Lust mehr, also lege ich mich hin und schlafe ein. Zwei Stunden später, so gegen 21 Uhr, klingelt mein Handy. Magda ist dran und päppelt mich wieder auf. Gut, dann gehe ich eben weiter und höre auf herumzujammern. Zufrieden schlafe ich ein und mehr oder weniger durch.

Regen, Regen, Regen

Als ich erwache sind die Tschechien schon aufbruchfertig und der Pulkatyp bereits abgereist. Aah, hab ich aber gut geschlafen! Hervorragend. Auch ich mache, dass ich weiterkomme, packe wieder, koche nebenbei und ziehe bald los. Mit neuer Energie beginne ich den Tag, laufe erneut Fußspuren hinterer und -ooh- finde einen Kartenausdruck der Strecke. Tja ihr drei, und nun? Aber am Tagesende werde ich sie ja spätestens wieder eingeholt haben. Bis dahin werden sich unsere Wege aber eine Zeitlang trennen. Ich biege in einen unberührten Seitenweg ab und freue mich über den jungfräulichen Schnee. Herrlich, diese Einsamkeit. Von genannten Personen mal abgesehen, habe ich während der Zeit nicht einen Menschen gesehen und außer dem Wasser und dem Waldesrauschen auch nichts weiteres gehört. Von dem Geklacker meiner Schneeschuhe ebenfalls abgesehen.
Ein Bach kreuzt den Weg, ich überquere ihn und erreiche bald wieder die bekannten Fußstapfen. Nach einigen Minuten erreiche ich auch die tschechischen Pausierer, die sich sehr über die wiedererlangte Karte freuen.

(Unter der Gallerie gehts weiter)

Abbruch

Es ist grobe 14 Uhr und ich habe mein heutiges Ziel beinahe erreicht. Wie langweilig. Zu allem Überdruss ist es spürbar wärmer geworden und beginnt nun wirklich zu regnen. Es regnet und regnet und hört gar nicht mehr auf. Der Zeltplatz liegt direkt an dem kleinen Örtchen Modrava – gar nicht schön. Tja, was mache ich nun? Spaß habe ich jedenfalls keinen mehr und so beschließe ich mir mal ein Zimmer in einer Pension (Penzion Modrava; wirklich sehr schön) zu nehmen. Der örtliche Laden wird geplündert, ich ziehe mich in mein Zimmer zurück, erhole mich und trockne meine Sachen. Noch immer regnet es und das wird sich bis zum kommenden Morgen auch nicht geändert haben.
Momentchen mal, ich wollte doch eine Schneetour machen?! Regen passt mir nun wirklich nicht, hab auch nichts mit, was ihm lange standhalten könnte. So fällt also meine Entscheidung die Tour abzubrechen. Am Morgen nehme ich den Bus, bald die Bahn und fahre zurück zu meinem Auto. Nach nicht mal 5 Minuten Busfahrt haben wir den Schnee völlig hinter uns gelassen. Innerlich gratuliere ich mir zu der Entscheidung die Tour abzubrechen. Mit dem Auto gelange ich zurück nach Tschechien und besuche mir liebe Orte wie Plzen und Cheb. Aber so wirkliche Urlaubsfreude bringe ich nicht mehr auf, begebe ich dennoch glücklich auf den Rückweg nach Frankfurt. Wenngleich ich meine Tour also frühzeitig abgebrochen habe, Spaß hat sie mir gemacht und Erholung verschafft. Ich gehe mal davon aus, dass ich wiederkehre.

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Ein Gedanke zu „Winterwanderung im Böhmerwald

  1. Hallo Andreas,
    bin auf Deine Site gestoßen, weil wir (Susi und ich, Ralf) demnächst auch eine Schneeschuhtour durch den Böhmerwald vorhaben. Hoffentlich wird das Wetter besser, als Du es erwischt hast. Aber Danke erstmal für Deinen Bericht! Ich war ja erstaunt, dass es doch noch mehr „Verrückte“ gibt, die so etwas machen. 🙂
    Du kannst uns gern mal auf unserer Website besuchen, wenn Du möchtest. Da gibt es auch ein anderes Bannock-Rezept samt Fotos: http://gemeinsam-draussen.de#bannock

    Herzliche Grüße
    Ralf

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